Shiatsu in der "Rehab-Klinik"
Ein Interview von Michael Stockinger mit Peter Krainer über die "Rehab-Klinik" im Rehabzentrum Weißer Hof


Michael Stockinger: Wie sieht dein Shiatsu Zugang in der Rehabilitation aus?

Peter Krainer: Er ist betont körperlich und gezielter als bei Shiatsubehandlungen im Alltag. Und zwar deswegen, weil eine konkrete körperliche Verletzung im Vordergrund steht. Dazu muss man wissen, dass bei einer Verletzung immer von einem "Trauma" gesprochen wird, das heißt für den Therapeuten, die konkrete Verletzung steht in Verbindung mit dem Trauma. Weiters ist gezieltes Arbeiten wichtig: ich meine damit besondere Techniken, bei der der Shiatsupraktiker Knie und Ellbogen mit einbezieht. Außerdem sind Kraft- und Dehnungsübungen von großer Wichtigkeit, um den Körper besonders zu öffnen. Jedes Trauma, das jemand erleidet, wirkt sich ausgesprochen individuell aus; der gleiche Unfall wirkt sich bei verschiedenen Personen unterschiedlich aus. Wie ein Trauma vom Patienten verarbeitet wird, ist auch Ausdruck davon, wie stark dessen Yin-Qualität ist, das ist in diesem Falle die Fähigkeit des Patienten zur Regeneration. Und damit Regeneration stattfindet, müssen wir Praktiker sehr viel im Yin des Körpers arbeiten. Man muss sich eben vorstellen, je schwerer das Trauma ist, umso stärker ist der Heilungsprozess eingeschränkt, und die konkrete Verletzung tritt eher in den Hintergrund.


Wie sieht die Behandlungsstrategie in der Rehab-Klinik aus?

Man kann sagen, dass unabhängig vom Grad der Verletzung die Strategien einander ähnlich sind. Und zwar: Der Eingang in den Körper findet über das Wasserelement statt. Weiters wird gezielt auf die konkrete Verletzung eingegangen, wobei das unverletzte Gelenk/Körperteil zu ca. 70% behandelt wird und das verletzte Gelenk/Körperteil nur ca. 30%. Außderdem runden spezielle Kräftigungs- und Dehnungsübungen eine Shiatsusitzung ab.
Ein anderer Punkt, den man bei der Behandlungsstrategie mit einbeziehen muss, ist, dass ein Patient durchschnittlich 5 Wochen, lang 1 x die Woche Shiatsu bekommt. Das ist nur ein kleiner Teil des Gesamtrehabilitationsprozesses, den ein Patient am Weißen Hof durchläuft. Ein ganzer Rehabilitationszyklus kann sich bis zu einem Jahr oder mehr erstrecken. Außerdem ist es ein großer Unterschied, ob ein Patient zu Beginn oder zum Schluss seines Rehabilitationsprozesses Shiatsu erhält. Demgemäß sind auch die Strategien verschieden. Das heißt eine Person, die vor kurzem verletzt wurde oder ein starkes Trauma erfahren hat, braucht erfahrungsgemäß eine längere Regenerationsphase, und wir werden eher intensiver und überproportional im Wasser arbeiten. Anders sieht es aus, wenn eine Person am Ende des Rehabilitationsprozesses steht oder keine schwerwiegende Verletzung erlitt: Hier kann gezielter und direkter Shiatsu gegeben und können Kräftigungs- bzw. Dehnungsübungen eingesetzt werden.


Welche praktische Rolle spielen die 5 Elemente in der Behandlung?

Ich kann immer wieder nur betonen, dass der Gesamtzustand des Patienten im Vordergrund steht. Ein Unfall oder eine Verletzung stellt meist nur eine Verschärfung der momentanen Kondition des Patienten dar. Ist das Erd-Element im allgemeinen betroffen oder geschwächt, so muss man das berücksichtigen und in der Rehabilitation das Erd-Element kräftigen. Hat ein Mensch in seiner Kondition stagniertes Element-Holz, so muss in der Rehabilitationsphase dieses Element spezifisch geöffnet und abgeleitet werden. Ebenso wird in der Regel das Wasser-Element bei einem starken Trauma geschwächt und muss entsprechend gestärkt werden, während die konkrete Verletzung eher in den Hintergrund rückt.


Gibt es eine Verbindung zwischen Vorgeschichte des Patienten und seiner Verletzung?

Wie gesagt, eine Verletzung stellt immer das schwächste Glied in der Kette dar. Hat die betreffende Person eine Knieverletzung erlitten, so erkennt man gerade dort das Stagnations-, Stress-, Schmerz- oder Regenerationsmuster am deutlichsten. Das ist auch die Funktion von einer "Verletzung": uns unsere Grenzen bewusst machen.


Wie sehen die konkreten Erfolge in der Rehab-Klinik aus?

Die überwiegende Mehrzahl der Patienten, ca. 80%, wurde wieder flexibel und schmerzfrei und es konnten wesentliche Verbesserungen im Bewegungsapparat festgestellt werden. Die Patienten konnten wieder besser schlafen und der Stuhlgang wurde normalisiert. Mit anderen Worten, das Wasser-Element und die Holz-Erde-Achse wurden ausgeglichen und genährt, was für den allgemeinen Regenerationsprozess von großer Wichtigkeit ist.


Wie gestaltet sich die Beziehung zum Personal?

Ich kann nur sagen: Die Bedingungen sind optimal. Es herrscht eine konstruktive Beziehung zu Ärzten und Personal. Sie sind Shiatsu gegenüber sehr positiv eingestellt und nehmen Anregungen aus unserer Arbeit gerne auf bzw. geben uns Anregungen aus ihrer Arbeit gerne mit.


Welche Stellung nehmen Hausapotheke und Dehnungen in der Behandlung ein?

Man muss bedenken, dass ein Patient am Weißen Hof ca. 7 Stunden Therapie am Tag hat, er hat vorgeschriebene Essens- und Schlafenszeiten. Für "selbstbestimmte" Entscheidungen bleibt da wenig Platz. Aus diesem Grund ist es schwierig, Anwendungen aus der Hausapotheke zu vermitteln. Sehr wohl geben wir Vorschläge für die Zeit nach der Rehabilitationsphase, wenn dann die ehemaligen Patienten wieder ihr "eigenes Leben" führen können. Diese Vorschläge betreffen z.B. Ernährung und Handhabung von Moxa und Ingwerwickel. Man muss sich auch im klaren sein, dass die Patienten am Weißen Hof ohnehin sehr viel tun, wie schwimmen, Trainingsphasen in der Kraftkammer, Ergometertraining und vieles mehr. Auch deswegen hat die Hausapotheke in unserer Arbeit am Weissen Hof einen nicht so hohen Stellenwert.


Gibt es Probleme bei gleichzeitiger Medikamenteneinnahme und Shiatsu?

Es kommt immer darauf an, welche Medikamente verabreicht werden. Blutdruckmedikamente beeinflussen den Körper in einer anderen Weise als z.B. Antidepressiva. Auf jeden Fall wird aber die momentane Kondition verschleiert. Das Ki des Patienten ist nicht unmittelbar anwesend und man kann es oft nur schwer mit Shiatsu erreichen. Energy flows where the mind goes - unter Medikamenteneinfluss ist dieser Weg oft unberechenbar verschlungen.
© Peter Krainer 2005